Offener Brief an die Redaktion von WISO

Vorlesen mit webReader

Stellungnahme der LAG WR NRW zu dem Bericht „Gerechter Lohn in Werkstätten?“ ZDF WISO am 23.03.2015

Briefkopf

Bielefeld, den 24. März 2015

 Sehr geehrte WISO-Redaktion,

im Namen der LAG WR NRW nehme ich Bezug auf den von Ihnen ausgestrahlten Bericht „Gerechter Lohn in Werkstätten?“ in Ihrer gestrigen Sendung. Die Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte NRW, vertritt ca. 72.000 Menschen mit Behinderungen in über 100 anerkannten Werkstätten in NRW.

Die Delegierten der LAG WR NRW tagen zurzeit in Klausur in Bielefeld Bethel. Aus aktuellem Anlass haben wir heute Morgen ihren Bericht in der ZDF-Mediathek angeschaut und waren entsetzt. Wir finden Ihre Darstellung einseitig und falsch. Sie stellen die Werkstätten negativ, als Ausbeuter von Menschen mit Behinderungen dar. Die Aufgabe von Werkstätten in Deutschland ist es, den Menschen mit Behinderung eine Teilhabe am Arbeitsleben (Arbeit, Tagesstruktur, Förderung der Gesamtpersönlichkeit) zu ermöglichen. Die Aufgabe von Werkstätten ist es nicht, die Sicherung des Lebensunterhaltes zu ermöglichen. Das Geld, das wir für unsere Arbeit bekommen, ist ein leistungsangepasstes Entgelt, welches sich aus dem Arbeitsergebnis der Werkstatt errechnet. Laut Werkstättenverordnung (WVO § 12, (5) Satz 1) müssen die Werkstätten mindestens 70 % des Arbeitsergebnisses als Entgelt an die Beschäftigten ausschütten.

Das Thema Entgelt wird auch bei uns und unseren KollegInnen heftig diskutiert. Ein gerechtes Entgelt kann nicht allein aus dem Arbeitsergebnis der Werkstätten erzielt werden. Eine solidarische Gesellschaft müsste dies durch Transferleistungen sicherstellen.

Werkstätten sind für uns sehr wichtig. Nicht jeder kann oder will (wieder) auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig werden.

Aus unserer Sicht vermitteln Sie den Eindruck, als würden Sie etwas für uns tun wollen. Durch Ihre Berichterstattung erreichen Sie unserer Ansicht aber genau das Gegenteil. Sollte aufgrund Ihres Berichtes die Firma Miele ihre Aufträge aus den Werkstätten abziehen, hätte Sie uns einen echten Bärendienst erwiesen, da wir dann weder Arbeit noch Entgelt hätten.

Scheinbar haben Sie noch nicht verstanden, was die Aufgabe einer Werkstatt ist und wie sie funktioniert. Wir stehen Ihnen gerne zur Verfügung, Ihre Defizite auszugleichen.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Ute Schulze
1. Vorsitzende der LAG WR NRW

 

 

 

 

 

 

 

12 Kommentare zu Offener Brief an die Redaktion von WISO
  1. Sarah Grüter
    18. April 2015 um 16:30

    Die BAG WfbM hat auch eine Stellungnahme zum WISO Beitrag veröffentlicht http://www.bagwfbm.de/article/2410

    Antworten
  2. Sehr geehrter Herr Meermeier,
    Ich habe diesen Kommentarverlauf gelesen und frage mich, warum mich die Argumentation der Vertreter einer „UNSOZIALEN AUSBEUTUNGS BRANCHE“ nicht überraschen. Würde es doch einer Bankrotterklärung gleichkommen, würden die Vertreter nicht durch Ausbeutungsstrategien ihren eigenen, nicht selten sehr gute entlohnten, Arbeitsplatz, in Frage stellen. Also doch lieber „Behinderte“, die froh sein sollen einen Arbeitsplatz zu haben, über den Tisch zu ziehen.
    Danke für Ihre Schreiben.
    Die Wurzel des Übels liegt jedoch schon in der noch jungen Bundesrepublik, die frühen Aufbewahrungsorte für „Kriegsversehrte“ wurden recht gut entlohnt und dann hat man sich, vorne weg die Kirchen, die Einnahmequellen gesichert und nach und nach ausgebaut. Der Bericht in NRW war erfreulicherweise nicht der Einzige. Auch in anderen Bundesländern kommen diese Betriebe unter Druck.

    Antworten
    • Herr Blankenstein, ich habe den Verdacht, das sie nicht wissen, das wir, alle Delegierten zur LAG WR NRW, Menschen mit Behinderungen sind, die das Angebot der Werkstätten zur Teilhabe am Arbeitsleben in Anspruch nehmen.

    • Herr Blankenheim, die Wendung in dem Gespräch auf die Wurzeln der Entwicklung halte ich für wichtig. Was es auch immer für Gründe hat Versehrte an den Rand der Gesellschaft drücken zu müssen. Nun ist heute die Lage anders und braucht eine neue Betrachtung. NichtKriegsversehrte brauchen eine andere Betrachtung und andere Hilfestellungen. Das scheint aus den nun vielleicht beginnenden Diskussion hervor gehen zu können. Da Kooperation ein wichtiges Moment ist, werden Fragen deutlich die in eine Richtung weisen. Z.B ob die LAG das richtige Instrument ist eine Vertretung zu gestalten. Oder ob eine weitere Alternative notwenig wird, die, wie mir scheint, noch nicht angedacht ist. Geht es wieder mal um das Thema Geld, Arbeit, nicht zuletzt Verbraucher. Das Thema Mindestlohn kann da sicher eine neue Grundlage in der Gesprächsgestaltung angeben. Ob es die Situation und die Problematik greift, ganz offen. Ist eine grundlegende Frage , “ wer will was von dem?“ Da sehe ich Schwierigkeiten einen Punkt zu definieren der den involvierten Beteiligten die Worte anreicht.

    • Bernd Meermeier
      18. April 2015 um 15:42

      Sehr geehrter Herr Blankenstein

      Sie haben die Problematik, welches ein wirklich weites Feld ist, gut formuliert.

      Auch finde ich die Zeilen von Herrn Bauer sehr treffend.

      Danke für Ihre Worte.

      MfG

      Bernhard Paul Meermeier

  3. Michael Ziegert
    28. März 2015 um 13:09

    Guten Tag Herr Meermeier,

    Sie stellen Ihre Meinung sehr ausführlich als Tatsachen dar ohne sie zu belegen.

    „Eben weil leistungsbezogen bezahlt werden muss, denn wo soll denn sonst die Motivation für Leistung her kommen?“

    Allein schon dieser Satz zeigt eindrücklich, dass Sie da irgendwas nicht verstanden haben.

    Und in diesem Zusammenhang von „Zwangssolidarisierung“ zu sprechen zeigt, dass Sie offenbar die Solidarität aufkündigen möchten.

    Für Ihr Statement finden Sie auch keine Belege im UN-Übereinkommen über die Rechte von Menschen
    mit Behinderungen. Es gibt dort keinerlei Aussage, die gegen die Existenz von WfbM spricht.

    Das heißt im übrigen nicht, dass es nicht Fälle von Ungerechtigkeiten in WfbM geben kann, gegen die man ggfs. auch juristisch vorgehen muss (wobei ich den genannten Fall nicht beurteilen kann). Aber von einem Einzelfall auf alle WfbM und die gesamte Situation zu folgern, spricht nicht für die journalistische Kompetenz des Verfassers des Wiso-Berichtes.

    Und überhaupt, Herr Meermeier, was ist das für eine Überheblichkeit, ausgerechnet eine Vertretung der Werkstatträte über die Rechte von Menschen mit Behinderung in den Werkstätten belehren zu wollen.?

    Antworten
    • Sehr geehrter Herr Ziegert, wie weit eine „Zwangssolidarisierung“ führt, müsste noch geklärt werden. Die UN Resolution muss in das bestehende Recht „eingegossen“ werden. Dass WfbM aufgelöst werden oder der Schutz von Behinderten unterwandert wird, steht in keiner Weise im Raum. Es geht um die Frage der gerechten Entlohnung. Wenn diese nicht im Rahmen einer WfbM erfolgen kann, dann stellen sich dazu neue Fragen. Die in die Richtung „Zwangssolidarität“ weisen. Hier gilt es politisch eine Lösung zu finden. Diese scheint es aus mangelndem Interesse seitens WfbM nicht geben zu müssen. Alle sind anders. Das Gesetz trifft nicht auf den Punkt, sondern greift in eine breite Masse von unterschiedlich stark leistungsfähigen Personen, das ist schlicht weg nicht tragbar.

    • Danke für ihre detalierten Ausführungen, Herr Ziegert.

  4. Bernhard Paul Meermeier
    25. März 2015 um 19:58

    Sehr geehrte Frau Schulze.
    Ihr offener Brief an die Wiso Redaktion und die damit verbundene Stellungnahme der LAG WR NRW ist nicht hilfreich, in der Problematik der WfbM´s. Der Bericht zielt in erster Linie auf die Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention aus Jahre 2009 sowie die Erlangung für ein gutes Teilhabegesetz in Deutschland ab. Nichts desto trotz ging es in der Darstellung auch um eine faire Entlohnung für behinderte Menschen die sehr produktiv arbeiten und Ihre Arbeit sehr ernst nehmen.
    Dazu ergeben sich folgende Fragen, wobei ich davon ausgehe, dass Ihnen die Inhalte der UN Behindertenrechtskonvention und die Forderung für ein gutes Teilhabegesetz bekannt sind.
    Wozu dann überhaupt die UN Behindertenrechtskonvention und die Forderung eines Teilhabegesetzes, das durch führende Experten aller UN Länder und Organisationen aller Behindertenverbände erarbeitet wurde?
    Durch Ihren Beitrag blockieren Sie die Umsetzung der UN Konvention und halten an veraltete (Denk) Strukturen fest.
    Die Teilhabe am Arbeitsleben ist natürlich sehr wichtig, eben wegen der Tagesstruktur und zur Förderung der Gesamtpersönlichkeit. Jede Arbeit bietet eine Tagesstruktur, auch für die Menschen am ersten Arbeitsmarkt. Ich frage mich wo die LAG WR NRW mal konstruktive Forderungen an die Politik stellt. Hierzu einige Vorschläge:
    Weg von der „Zwangssolidarisierung“ unter den behinderten Menschen sowie die Abschaffung der Anrechnung des Verdienstes in den WfbM´s bei der Grundsicherung. Dies würde der Förderung und dem Charakter der Rehabilitation der Mitarbeiter im arbeitnehmerähnlichen Rechtsverhältnis zu Gute kommen. Weil die Eigenanstrengung eines jeden Mitarbeiter zur Entwicklung des eigenen Leistungsniveaus eigenverantwortlich, dennoch aber mit Unterstützung durch Fachkräfte seinen Auftrag der der WfbM´s gerechter werden. Und daraus ergeben sich dann wirklich gerechte Lohnverteilungen.
    Ich zitiere Sie:
    „Die Aufgabe von Werkstätten ist es nicht, die Sicherung des Lebensunterhaltes zu ermöglichen.“
    Das wurde in dem Bericht auch nicht gefordert, es geht darum, dass jede Arbeit Ihren Preis hat. Und Transferleistungen finden statt, aber die kommen den Behinderten nicht zu Gute, sondern sind u.a. für die Schaffung der Gebäude und die Entlohnung der hauptamtlich Angestellten gedacht.
    Warum wird so eine Zwangssolidarisierung, das der Stärkere für den Schwächeren aufkommt, nicht auch in der freien Wirtschaft angewandt? Eben weil leistungsbezogen bezahlt werden muss, denn wo soll denn sonst die Motivation für Leistung her kommen? Die Motivation wird durch die Zwangssolidarisierung innerhalb der WfbM´s und durch die Verrechnung der „Sozialgelder“ geradezu blockiert. Dadurch wird die Leistungsförderung eines behinderten Mitarbeiters ausgebremst, weil sich somit Leistung nicht lohnt.
    Ergo: Leistung wird bestraft, weil die engagierten Mitarbeiter durch diese Zwangssolidarisierung höhere Abzüge haben. Aber diese Mitarbeiter, die vielleicht noch auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden könnten, müssen in den WfbM´s gehalten werden, da sie das ganze System erst überhaupt tragen.

    Und warum sollte die Firma Miele die Aufträge aus den WfbM´s abziehen? Aus sozialpolitischen und wirtschaftlichen Aspekten, würde sich die Firma Miele damit keinen Gefallen tun.
    Schade dass Sie den behinderten Menschen so wenig Selbstwertgefühl vermitteln. Sie vermitteln noch das die Arbeit der Behinderten und die damit verbundenen Anstrengungen wenig wert haben. Schlimm finde ich es, das Sie offiziell im Namen von 72 000 behinderten Menschen sprechen, die schuldlos Ihre Behinderung kompensieren müssen. Keiner von Ihnen hat sich diese harten Bedingungen dieses Lebens ausgesucht. Gerade der Auftrag der Werkstatträte ist es die Lebens und Arbeitsbedingungen zu verbessern und weiter zu entwickeln. Ihr Beitrag ist wirklich destruktiv und widerspricht den Forderungen nach einem selbstbestimmten Leben und der UN Behindertenrechtskonvention. Wir alle behinderten Menschen sollten selbstbewusst für Gleichstellung in der Gesellschaft kämpfen.
    Wie erklären Sie sich das fehlende Mitbestimmungsrecht der Werkstatträte? Ohne Bewusstsein für Ihre eigene Leistung ist eine effektive Vertretung der behinderten Menschen nicht möglich.
    Ich wünsche Ihnen und allen Werkstatträten mehr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen zur Vertretung eigener Interessen für ein weitest gehend unabhängig aber selbstbestimmtes Leben.
    Für eine Positionierung zu meinem Beitrag Ihrerseits wäre ich sehr dankbar.
    Mit freundlichen Grüßen
    Bernd Meermeier

    Antworten
    • Bitte schauen sie mal in die WAZ. Lohnkürzungen zu Weihnachten. PS.:Ich bin seit 6 Jahren in der Werkstatt als Beschäftigter eingestellt. Jetzt habe ich einen Aussenarbeitsplatz bin jetzt Hilfskraft der Haustechnik Bottrop.

    • Sehr geehrter Herr Meermeier, schließe ich mich ihre Meinung an und folge weiter den Beiträgen .

    • Sehr geehrter Herr Meermeier,
      Danke für ihre Meinung zu unserem offenen Brief an die ZDF WISO Redaktion.
      Dazu nehme ich, im Namen der LAG WR NRW, gern Stellung.
      Wer den Bericht gesehen hat, konnte sehr schnell den Eindruck bekommen, dass die Werkstätten für Menschen mit Behinderung, in dem gezeigten Bericht der wertkreis Gütersloh, die Menschen mit Behinderung ausbeuten. Dem möchte ich persönlich scharf widersprechen.
      Es wurden in diesem Bericht Vergleiche gezogen, die nicht der momentanen Realität entsprechen.
      Dabei denke ich in besonderem Maße an die Argumentation, das Facharbeiter einen Stundenlohn von z. B. 15,00 € bekommen und Menschen mit Behinderung in Werkstätten nur 1,00 €. Wir sind nun mal keine Arbeitnehmer, sondern arbeiten in einem arbeitnehmerähnlichem Rechtsverhältnis in der Werkstatt. Eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen ist kein Unternehmen am allgemeinen Arbeitsmarkt. Es gibt gültige gesetzliche Regelungen an die sich die Werkstätten halten müssen.
      Es müssen, aus unserer Sicht, die gesetzlichen Rahmenbedingungen geändert werden, bevor sich an der Entgelt-Situation für Menschen mit Behinderung etwas ändert.
      Wir haben uns bei unserer öffentlichen Stellungnahme nur auf die momentane Gesetzeslage bezogen. Wobei wir nicht gesagt haben, dass wir es gut finden, dass Beschäftigte in Werkstätten ein so geringes Entgelt bekommen.
      In unserem Positionspapier, welches hier auf unserer Homepage auch gelesen werden kann, haben wir Stellung bezogen zum Thema „Arm trotz Arbeit“. Man kann geteilter Meinung sein, ob der Ansatz, den wir dort beschrieben haben, ausreichend ist. Aber es ist ein Anfang.
      Andere Ansätze sind Beispielsweise: Mindestentgelt für WfbM Beschäftigte
      In den letzten Wochen und Monaten gab es viel zu hören und zu lesen, dass in den Werkstätten für Menschen mit Behinderungen der Mindestlohn gezahlt werden soll. Das klingt alles sehr schön, aber was passiert dann mit uns?
      Auch da kann man geteilter Meinung sein. Die LAG WR NRW wird sich diesem Thema in einer Sondersitzung annehmen, denn so einfach ist es nicht, sich eine Meinung zu bilden.
      Wenn wir uns eine Meinung gebildet haben und wir sie hier öffentlich machen, können Sie sehr gern dazu Stellung beziehen.
      Zum Schluss noch eine Anmerkung:
      Wir wollen die Werkstätten für Menschen mit Behinderung flächendeckend erhalten.
      Für uns sind sie eine wichtige und gute Einrichtung.
      Aber: Wer die Werkstatt verlassen möchte, um auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu arbeiten, soll jede Unterstützung bekommen, die er benötigt, damit er es schafft.

      Ute Schulze
      1. Vorsitzende der LAG WR NRW


Einen Kommentar schreiben